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Rezension: The World of Ice and Fire

Unzweifelhaft darf George R. R. Martins „Das Lied von Eis und Feuer“ Saga als eine der spannendsten, umfangreichsten und populärsten Fantasywelten der jüngeren Vergangenheit gelten. Die Saga selbst ist noch nicht zu Ende gebracht und auch diverse Ableger wie „Der Heckenritter von Westeros“, die die Hauptgeschichte bereichern, werden weiterhin fortgesetzt. In „The World of Ice“ treten jedoch erstmals die Charaktere hinter das Setting zurück. Der opulente Band eröffnet neue Perspektiven auf Westeros, Essos und selbst Sothoryos.

Eines vorab: Um „The World of Ice & Fire“ richtig besprechen zu können, sind Spoiler bis einschließlich Staffel vier der Serie und bis „A Feast for Crows“ beziehungsweise „Die dunkle Königin“ und „Krähenfest“ nicht zu vermeiden.

Rezension The World of Ice & Fire Bantam
The World of Ice & Fire: Einband der amerikanischen Ausgabe von Bantam.

George R. R: Martin ist ein geschickter Autor. In seinen Romanen reißt er so oft Legenden, Ereignisse aus der Geschichte, ferne Orte und große Namen vergangener Herrscher an, dass sich daraus das Kaleidoskop einer Welt formt: Überall glänzt und funkelt es, doch der Leser bekommt nichts davon klar in den Fokus. Natürlich erfüllen diese erhaschten Blicke auf das große Ganze einen Zweck, denn für den Leser bewegen sich die Protagonisten dadurch in einer echten, lebendigen, scheinbar jahrtausendealten Welt. „The World of Ice & Fire: The Untold History of Westeros and the Game of Thrones“ erlaubt erstmals, den Blick klar auf die Dinge zu richten – wenn auch aus der Perspektive eines Maesters, der selbst so seine Schwierigkeiten mit den verfügbaren „historischen“ Quellen hat.

Opulente Verarbeitung für eine opulente Welt

Wer sich „The World of Ice & Fire“ leistet, hält durchaus den richtigen Gegenwert in Händen: Das Buch ist gebunden, komplett in Farbe gedruckt und kommt in der Anmutung eines alten Folianten daher, der direkt aus der Bibliothek der Maester stammen könnte. Die Seiten sehen aus wie vergilbtes Pergament, der Einband ist weich und in Lederoptik gehalten.

Orte und Schlüsselszenen der Geschichte werden fantastisch in Szene gesetzt

Beim ersten Durchblättern sticht sofort die opulente Bebilderung ins Auge. „Ich liebe illustrierte Bücher. Ich wollte die besten Fantasy-Illustratoren der Welt“, hat Martin dazu bemerkt. Die Bilder verfehlen ihre Wirkung nicht: Orte und Schlüsselszenen der Geschichte werden fantastisch in Szene gesetzt und – besonders spannend – jeweils nach der Vorstellung des Künstlers und nicht nach den Vorlagen der TV-Serie gestaltet. Der eiserne Thron von Marc Simonetti zum Beispiel stellt die kümmerliche Requisite der Serie buchstäblich in den Schatten. Alle Illustrationen sind gelungen, einige, wie die Arbeiten von Simonetti, Justin Sweet oder Chase Stone, sind in gedruckter Form atemberaubend.

Ganz viel Targaryen, ganz viel Westeros

Das „Lied von Eis und Feuer“ ist noch nicht zu Ende erzählt. Wie erzählt man dann die Geschichte der Welt? „The World of Ice & Fire“ bedient sich desselben Kniffs wie die Romane: unzuverlässiges Erzählen. Während man in den Romanen die Welt ausschließlich durch die Augen der Protagonisten wahrnimmt, ist „The World of Ice & Fire“ das Werk des extra erfundenen Maesters Yandel. Und dieser arbeitet wie ein Historiker: Aus Büchern, Dokumenten, mündlichen Überlieferungen und anderen Sekundärquellen muss er die Fakten extrahieren, Spekulationen entlarven und selbst Hypothesen aufstellen. Seine Chronik widmet er König Tommen – er stellt sie also zur Zeit des dritten Monarchen der Baratheon-/Lannisterdynastie fertig.

Die ersten zwei Dutzend Seiten sind ein Schnelldurchlauf durch das Altertum der Welt: die Kinder des Waldes und die Riesen, der Aufstieg von Valyria, die Ankunft der Andalen in Westeros, die Irrfahrt der Rhoynar nach Dorne und der Untergang von Valyria.

Die nächsten hundert Seiten befassen sich ausschließlich mit der Eroberung von Westeros durch das Haus Targaryen. Wo der Leser auf den ersten Seiten noch Details vermisst, verliert sich das Buch hier im dynastischen Klein-Klein. Zwar sind die Ereignisse die unmittelbare Grundlage für „Das Lied von Eis und Feuer“, die Kapitel hätten trotzdem kürzer ausfallen dürfen. Einige Perlen gibt es natürlich dennoch zu entdecken, etwa den „Tanz der Drachen“, bei dem die Targaryens in einem furchtbaren Krieg um die Thronfolge selbst einen Großteil ihrer Drachen gegeneinander aufs Spiel setzten und verloren, die Regentschaft von Baelor dem Gesegneten und die Ereignisse rund um die Blackfyre-Rebellion.

Erstmals erfährt man mehr über Orte, die noch kein Protagonist besucht hat.

Richtig spannend wird es dennoch erst im nächsten Drittel, das nacheinander die großen Regionen in Westeros behandelt. Erstmals erfährt man so auch mehr über Orte, die in den Romanen zwar erwähnt werden, aber die noch kein Protagonist besucht hat. Casterly Rock zum Beispiel, den Sitz der Lannisters: Eine gigantische Felsklippe am Meer, die komplett ausgehöhlt zur uneinnehmbaren Festung wurde, groß genug, um Schiffe aufzunehmen und so gut geschützt, dass selbst die Targaryens davon absahen, die Burg mit ihren Drachen anzugreifen. Oder Storm’s End, die uralte, durch Magie geschützte Burg, die heute Sitz der Baratheons ist. Auch die Geschichte der großen Häuser wird in diesen Kapiteln behandelt – besonders spannend im Fall der Greyjoys.

Zum Schluss widmet sich „The World of Ice & Fire“ den Ländern jenseits von Westeros: Allen großen freien Städten, den Sommerinseln, Naath, der Küste des Südkontinents Sothoryos, dem Inland von Essos und sogar Ib. Zehn Seiten fallen schließlich noch für die exotischen Länder im fernen Osten ab: Yi Ti, Leng, Asshai. Stammbäume, Zeitleisten und ein Index finden sich im Anhang.

Was fehlt

„The World of Ice & Fire“ ist kein Handbuch für die Romane oder die TV-Serie. Dafür sind viele Schauplätze trotz des Umfangs nur Fußnoten oder fehlen ganz. Insbesondere die Städte der Sklavenbucht fallen durch Abwesenheit auf, dabei wäre es extrem spannend, im Rahmen von Daenerys‘ Eroberungen mehr über die Geschichte von Meereen, Yunkai und Astapor zu erfahren. Bizarr: Die einzige Weltkarte bezeichnet lediglich die Kontinente – die Lage von wichtigen Städten oder den beschrieben Regionen bleibt ohne Vorbildung unklar.

Martins Brillanz erreichen seine Co-Autoren leider nicht

Der über 320 Seiten starke Band entspringt nicht allein Martins Feder, sondern wurde zu großen Teilen von Elio M. García und Linda Antonsson zusammengestellt, den Gründern der Fanseite Westeros.org. Unter Fans sind die beiden zwar nicht unumstritten, Martin pflegt aber eine sehr enge freundschaftliche Beziehung zu beiden, bindet sie in seine Arbeit ein und hat klargestellt, dass die in „The World of Ice & Fire“ dargelegte Geschichte als offiziell gilt. García und Antonsson sind sozusagen die Ghostwriter von Maester Yandel. Direkt von Martin stammen die Texte in den zusätzlichen Infoboxen. Gerade im Vergleich fällt hier auf, dass Martins Co-Autoren seine Brillanz nicht erreichen – vielleicht eine Erklärung für die Längen im Kapitel über die Targaryens.

Die verschiedenen Ausgaben

Rezension The World of Ice & Fire HarperCollins
The World of Ice & Fire: Einband der britischen Ausgabe von Harper Collins.

Es gibt zwei verschiedene englische Ausgaben: Diese Rezension bezieht sich auf die amerikanische Fassung von Bantam. Die britische Ausgabe von Harper Collins hat einen anderen, schwarz gehaltenen Einband, der Inhalt ist allerdings derselbe. Inzwischen ist „The World of Ice & Fire“ auch auf Deutsch im Verlag Penhaligon erschienen, der die populären deutschen Taschenbücher verlegt. Der Einband lehnt sich an die Gestaltung der Taschenbücher an, Illustrationen und Layout sind innen mit den englischen Ausgaben aber praktisch identisch. Allerdings: Es fehlen bisweilen ganze Absätze. Der Verlag erklärt das so:

Bei WESTEROS – Die Welt von Eis und Feuer haben wir […] ein festes Layout, sodass wir nicht einfach hinten weitere Seiten anhängen konnten. Daher hat sich der Übersetzer bewusst kurz gefasst. Außerdem haben wir in jeder Spalte vier Zeilen mehr als die Originalausgabe. Hätten wir uns für mehr entschieden, hätte die Lesbarkeit des Textes gelitten. Leider haben diese beiden Maßnahmen nicht für jedes Kapitel ausgereicht, und wir mussten kürzen. Dabei haben wir selbstverständlich darauf geachtet, nach Möglichkeit alle Informationen und den Stil des Autors zu erhalten.

Rezension Die Welt von Eis und Feuer Cover Penhaligon
Die Welt von Eis und Feuer: Einband der deutschen Ausgabe von Penhaligon

Wer das Werk also unbedingt vollständig goutieren möchte, sollte zu einer der englischen Ausgaben greifen. Für Fans der Romane oder der Serie ist „The World of Ice & Fire“ ein Muss. Es gibt tonnenweise neue Informationen, Layout und Illustrationen sind überaus gelungen und daneben macht sich der große Schmöker hervorragend im Regal. Das Vorwissen aus den Romanen ist aber nicht nötig, um das Buch genießen zu können: Für Weltenbauer ist diese umfangreiche Chronik schlicht ein Lehrstück. Und eine fast unerreichbare Messlatte.

Mehr über die Entstehung des Buchs und einzelne Abschnitte bietet dieses Interview mit George R. R: Martin:

Martin, George R. R/ García, Elio M/Antonsson, Linda: The World of Ice & Fire: The Untold History of Westeros and the Game of Thrones, Bantam. Gebunden, 26 bis 35 Euro.

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