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Ursula K. Le Guin: Erdsee

29 Jahre bevor Harry Potter zum ersten Mal Hogwarts betritt, besucht ein angehender Magier namens Ged die ehrwürdige Zauberschule auf der Insel Rok. Dort lernt Ged (genannt „Sperber“), mit seiner Begabung umzugehen und das Mysterium der wahren Namen zu verstehen – lange vor vielen anderen Protagonisten, die dieselbe Kunst erlernten. Ursula Kroeber Le Guins „Erdsee“-Zyklus hat entscheidend zur modernen Fantasyliteratur beigetragen.

Ursula K. Le Guin Erdsee Weltenbau Portrait
Ursula Kroeber Le Guin. (Foto: Eileen Gunn)

Um zu verstehen, was „Erdsee“ für die Fantasy geleistet hat, muss man verstehen, wie die Genre-Landschaft kurz vor der Erstveröffentlichung von „Der Magier der Erdsee“ („A Wizard of Earthsea“) 1968 aussah: Tolkiens „Herr der Ringe“ beherrschte alles und wurde von Studenten zunächst in den USA und später auf der ganzen Welt förmlich verschlungen. Daneben feierte Clive Staples Lewis mit seinen „Chroniken von Narnia“ Erfolge und die Fantasy-Pulp-Literatur der Zwanziger und Dreißiger, allen voran Robert Ervin Howards „Conan“, erlebte eine Renaissance. Bestimmende Themen waren der ewige Kampf von Gute gegen Böse oder blutige Abenteuer von brachialen Helden und Antihelden.

Dieses Schwarz-Weiß-Denken ist den Erdsee-Romanen fremd, ebenso wie Kriege einer „epischen“ Größenordnung, wie sie im „Herr der Ringe“ erstmals exemplarisch dargestellt wurde. Dass keine riesigen Armeen gegeneinander zu Felde ziehen, liegt zum Teil sicher an der Geografie: Erdsee ist eine Inselwelt ohne zusammenhängende Kontinente. Im Zentrum der (bekannten) Welt liegt die größte Insel Havnor, darum verteilen sich die Inseln eines weitläufigen Archipels und verteilt um diese innere See noch weitere Inselgruppen in jeder Himmelsrichtung.

Magie zwischen Alten Mächten und wahren Namen

Technologisch bewegen sich die Kulturen Erdsees etwa in der frühen Eisenzeit und wo es kein Eisen gibt, müssen Bronze, Stein oder Holz als Werkstoffe herhalten. Kriege zwischen stehenden Armeen gibt es zwar nicht, bewaffnete Konflikte natürlich trotzdem: Die räuberischen Seefahrer des Kargad-Reiches fallen etwa regelmäßig über gut erreichbare Nachbarinseln her.

Das Herz von Erdsee ist seine Magie und die Macht der Sprache

Das Herz von Erdsee ist aber seine Magie und die Macht der Sprache. Um sie ausüben zu können, muss man mit einem magischen Talent geboren werden. Ihre Wirkungsweise hat eine starke mystische Komponente, so gibt es etwa die Alten Mächte, manchmal die Namenlosen genannt, die als unsichtbare Entitäten an bestimmten Orten noch über große Kraft verfügen. Der Schlüssel zur Zauberei ist die Kenntnis von den wahren Namen der Dinge in der Alten Sprache. So hob im innerweltlichen Schöpfungsmythos Segoy die Inseln der Erdsee aus dem Meer, indem er das richtige Wort nutzte. Heute beherrschen nur noch die Drachen die Alte Sprache fließend, doch wer magisch begabt ist, kann die Namen der Dinge lernen und sie so beeinflussen. Auch jeder Mensch wird mit einem wahren Namen getauft, hält ihn jedoch in der Regel geheim und nutzt stattdessen einen Umgangsnamen.

Schöpfung am Reißbrett

Bei aller Mystik schuf Le Guin Erdsee aus einem ganz profanen Grund: Die Arbeit am ersten Buch war kein privates Projekt, sondern der Auftrag eines Verlegers. Le Guin, die sich bereits einen Namen als Phantastik-Autorin mit Science-Fiction-Schwerpunkt gemacht hatte, sollte ein Jugendbuch verfassen. Als Genre wurde ihr Fantasy vorgeschlagen. Ihre Schlüsselidee war die Frage, wo große Zauberer eigentlich herkommen. Angesichts von Harry Potter und Co. erscheint dieses Coming-of-Age-Thema heute profan, doch als Le Guin mit der Arbeit begann, gab es nur Figuren des Archetypus Merlin oder Gandalf, alte mächtige Männer ohne Kindheit. Zudem war das Fantasy-Genre voll von Helden mit weißer Hautfarbe – eine Tatsache, die Le Guin als Tochter eines Anthropologen in jeder Hinsicht widerstrebte: „Weiß war für mich nie die Norm, oder ein Symbol für Menschlichkeit, wie in so vielen Fantasy-Büchern, die ich lese.“ Mit dieser Einstellung ist Le Guin leider noch heute Vorreiterin.

Am Ende war Erdsee eine Erfindung am Reißbrett. Le Guin zeichnete zuerst eine Karte aller Inseln und benannte sie, anschließend bevölkerte sie die Welt konsequenterweise mit Menschen vornehmlich dunklerer Hautfarben. Ged etwa, der junge Magier des ersten Romans, hat ein kupferbraunes Erscheinungsbild (dennoch ist er auf vielen Buchcovern der verschiedenen Auflagen weiß dargestellt worden, was Le Guin maßlos ärgerte).

Ursula K. Le Guin Erdsee Weltenbau Karte
Le Guins handgezeichnete Karte von Erdsee (Klick für große Version). (c) Ursula K. Le Guin

Nachdem diese Fundamente gelegte waren, wuchs Erdsee auf organische Weise. Le Guin schreibt selbst, dass sie ihre Welt Insel für Insel an der Seite ihrer Protagonisten erkundete: „Alle Inseln waren [auf der Karte], aber ich wusste nichts über sie außer ihren Namen, ihrer Form, den Buchten und Bergen und Flüssen, die ich eingezeichnet hatte, und bei einigen die Namen von Städten. Sie wollten alle entdeckt werden, eine nach der anderen.“

„Von Tolkien habe ich den Trick gelernt, einen komplexen Hintergrund mit ein paar Namen anzudeuten“

Ged schickt sie im ersten Band erst auf die Zauberschule der Insel Rok und dann auf eine abenteuerliche Reise durch die ganze Welt zu sich selbst. Dabei fallen bereits die Namen alter Legenden, ferner Orte und mystischer Persönlichkeiten: Selidor, die Insel am Ende der Welt, Erreth-Akbe, der größte aller Magier. Doch im ersten Roman ist das noch clevere Augenwischerei: „Von Tolkien habe ich den Trick gelernt, einen komplexen Hintergrund mit ein paar Namen anzudeuten, sodass man sich nicht in einer Fantasy-Blase gefangen fühlt.“

Vorsprung durch Bildung

Später fügte sich die Welt dann wie ein Puzzle zusammen (ein schönes Beispiel für Weltenbau, der im Kleinen beginnt). Dabei fällt auf, dass die Gesellschaften Erdsees keine direkten Entsprechungen in bekannten Kulturen finden, bestenfalls rudimentäre Ähnlichkeiten. Bis heute fühlt sich die Welt dadurch nicht überholt oder klischeebehaftet an, sondern wirkt noch immer originell. Laut Le Guin ist auch das ein Erbe ihrer Kindheit in einem Anthropologenhaushalt. Wer vieles kennenlernt, schreibt offensichtlich bessere Fantastik. Das gilt selbst für ihre Drachen, einem der Fantasy-Archetypen schlechthin:

„Es gibt so viele verschiedene Arten von Drachen in der Welt, und als ich aufwuchs, habe ich viele von ihnen kennengelernt. Da gab die Drachen aus Märchen und der nordischem Mythologie, die Jungfrauen fraßen und Schätze anhäuften. Eng verwandt mit ihnen war der Drache des heiligen Georg, oft ein jämmerliches Exemplar, den ich hauptsächlich aus Gemälden kannte, in denen der Heilige ihn gerade erschlug oder schon erschlagen hatte und süffisant mit einem Fuß darauf posierte. Dann gab es die deutlich eindrucksvolleren chinesischen Drachen, die sich mit einem feurigen Juwel in den Klauen kaiserlich durch die Wolken schlängelten. Es gab die liebenswerten Drachen von Pern und, nur angedeutet und trotzdem unvergesslich, den Drachen, dessen Zahn ein großes Tor in einer Erzählung von Lord Dunsay formt. Und natürlich Smaug den Prächtigen. Alle faszinierend auf ihre Weise. Ich habe mich großzügig bedient.”

Le Guin baute auf dem Fundament weiter, das Zeitgenossen wie John R. R. Tolkien und Anne McCaffrey gelegt hatten. Mit Erdsee hat sie diesem Fundament, das von epischen Questen und gestählten Helden geprägt war, eine philosophische Dimension hinzugefügt und die Protagonisten durch den Kampf gegen ihre eigenen Dämonen menschlicher  gemacht. Harry Potter und Kvothe stehen heute auf den Schultern von Ged. Seit 1968 hat Le Guin insgesamt sechs Bücher in Erdsee angesiedelt, das letzte 2001, die Titanin der Phantastik ist inzwischen 85. Sie schreibt immer noch.

Mehr über Le Guin und ihr Schaffen:
Maya Jaggi: The Magician, The Guardian

Titelbild: Eurasian Sparrowhawk, (CC BY-SA 2.0) sébastien bertru

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