Weltenbau Sprache

Über die Rolle der Sprache in fantastischer Literatur

Die Erfindung von Sprachen ist Teil des Weltenbau-Handwerks. Doch wer in die erfundene Welt eintauchen soll, steht erst einmal vor einer steilen Lernkurve: Kein Leser spricht plötzlich fließend Zwergisch oder Globbuk. Autor Jens-Michael Volckmann steigt in diesem Essay tief in den scheinbaren Widerspruch von Verständlichkeit und atmosphärischer Tiefe ein – und erklärt, wie man Frust beim Leser umschiffen kann.

Der Text erschien erstmals am 18. Februar auf seinem Blog.

Autoren sind Experten für Sprache. Das sollten sie zumindest sein, wenn sie kein Naserümpfen ihrer Leser riskieren wollen.

Die eigene sprachliche Ausdrucksform, die Stimme des Autors, den ganz eigenen erzählerischen Stil zu finden, ist ein langwieriger und wahrscheinlich niemals abgeschlossener Prozess. Die Prosa mag im Vordergrund stehen oder unsichtbar in den Hintergrund rücken. Sie mag malerisch sein oder präzise. Verspielt oder abstrakt. Transportiert sie das, was erzählt werden soll, und schafft sie es dabei, das geschriebene Wort über die Sprache hinweg im Kopf des Lesers lebendig werden zu lassen, so erfüllt sie ihren Zweck, egal, wie sie gestaltet ist.

Sprache: das Tor in eine andere Welt

Gerade in Werken, die fantastischen Genres zugeordnet werden können, kommt der Sprache dabei eine besondere Rolle zu. Von Landkarten, Buchcovern und Konzeptzeichnungen abgesehen, ist es lediglich die Sprache, die dem Leser das Tor zu einer fantastischen neuen Welt öffnet. Über rein sprachliche Mittel muss der Autor dem Leser vermitteln, wie ein Drache aussieht oder ein sechsbeiniger Roboter, ein Luftschiff oder ein Schwert. Noch schwieriger, wenn es sich um komplette Abstrakta handelt, wie die Wirkungsweise von Magie, ihr Geschmack und ihr Kribbeln auf der Haut. Je fantastischer ein Element, je weiter es von der Wirklichkeit unserer eigenen Welt entfernt ist, desto schwieriger wird die Aufgabe für den Schriftsteller.

Sprache wird niemals dem genügen, was sie zu beschreiben versucht

Sprache, und das sollte keine Überraschung sein, ist der kleinste gemeinsame Nenner, wenn es um die Vermittlung von Inhalten in einem bild- und tonfreien Medium geht. Und Sprache, auch das sollte nicht überraschen, wird niemals dem genügen, was sie zu beschreiben versucht. Erhält jemand die Aufgabe, den Duft einer Rose zu beschreiben und die Duftnuance vom Geruch einer Narzisse abzugrenzen, so wird das nur gelingen, weil die Begriffe Rose und Narzisse ganz eigene Erinnerungen und Assoziationen wecken, die sowohl mit der tatsächlichen Geruchswahrnehmung verbunden sind, als auch mit dabei empfundenen Emotionen. Auf sprachlicher Ebene wird dieser Beschreibungsversuch jedoch aufgrund fehlender Präzision der sprachlichen Ausdrucksmöglichkeit scheitern. Noch offensichtlicher wird das Dilemma, wenn ein Sehender einen Blinden fragt, wie er die Welt wahrnimmt oder sogar „sieht“. Unsere gemeinsame Realität, wie verschieden sie auch interpretiert wird, ist die Referenz für jeden sprachlichen Ausdrucksversuch. Auch – nein, vor allem, wenn etwas beschrieben werden soll, das es so in unserer Welt nicht gibt, oder das sich der Wahrnehmungsmöglichkeit der meisten Menschen entzieht.

Tolkien, Tentakel und grüne Globberschleimer

In fantastischen Werken reichen sich Mitglieder fremder Spezies häufig die Hand … oder die Tentakel … oder sie versuchen sie sich gegenseitig abzuhacken. Verschiedene Kulturen prallen aufeinander, die alle mit hoher Wahrscheinlichkeit eigene Sprachen, Sprachgeschichten und Sprachkulturen aufweisen.

Ist es notwendig, ganze Sprachen samt Grammatik zu entwerfen, damit klar wird, dass der Elf eine andere Sprache spricht als der Zwerg, der gerade mit einem Vorschlaghammer ein Loch in die Wand der Schatzkammer des Elfen schlägt?

Weltenbau Sprache Ring
Ohne Übersetzung wäre dieser Ring nur ein hübsches Schmuckstück. Foto: (CC BY 2.0) idreamlikecrazy/Flickr

Nein, sicherlich nicht. Tatsächlich würde dies etwas anderem Tür und Tor öffnen: Dem Worldbuilder’s Disease, jener Detailverliebtheit in die erschaffene Welt, die dazu führt, dass der Schriftsteller zwar eine zehnbändige Enzyklopädie über die Opernkultur der grünen Globberschleimer auf dem nördlichen Kontinent von Globbuk-Prime geschrieben hat, aber bisher kein einziges Wort in der Geschichte zu Papier gebracht hat, die er eigentlich schreiben wollte. Es ist nicht verwunderlich, dass der Tolkiensche Nachlass einen deutlich größeren Umfang hat, als die publizierten Werke aus Mittelerde und ein glücklicher Umstand, dass daraus dennoch die Erzählungen entsprungen sind, die Millionen von Lesern in ihren Bann geschlagen haben.

Die Lernkurve justieren

Sprache ist die Stellschraube, über die die Steigung der Lernkurve des Lesers bestimmt werden kann. Fantastische Elemente werden dann verständlich und erzeugen eine emotionale Resonanz im Leser, wenn sie das Bekannte mit dem Fremden verbinden. Das sollte beim Weltenbau unbedingt bedacht werden. Es ist nicht verwunderlich, dass die Zaubersprüche vieler Fantasyromane der westlichen Welt an die lateinische Sprache angelehnt sind. Das, was wir den Zauberer murmeln hören, klingt vertraut und fremd zugleich. Die Vermutung liegt jedoch nahe, dass dieser Effekt verloren geht, wenn man im Lateinunterricht Harry Potter auf Latein gelesen hat.

Eine zu steile Lernkurve verringert die Chance, dass Leser Zugang zu der Welt finden

Die Steigung der Lernkurve sollte nicht unterschätzt werden. Eine zu steile Lernkurve verringert die Chance, dass Leser Zugang zu der Welt finden. Generell ist es ein guter Gradmesser, die Steigung der Lernkurve so weit wie möglich zu senken, ohne dass es die Entwicklung des Plots maßgeblich verlangsamt oder sogar verhindert.

Shiba Nekos Hand ruhte auf dem Griff des Katana, das sie nur ein paar Zentimeter aus der Saya hatte ziehen können. Ihr Atem ging schnell, ihr Herz polterte unrhythmisch in ihrer Brust. Sie spürte warmes Blut auf ihrem Gesicht, schmeckte den bitteren Geschmack auf ihren Lippen. Das Blut eines Oni. Aus den Augenwinkeln sah sie das Wesen auf den Tatami-Matten liegen. Oder besser gesagt das, was von ihm übrig geblieben war. Übelkeit stieg in ihr auf. Doch es waren nicht die Eingeweide der Kreatur, die sie verursachten. Es war der Blick von Isawa Toshima, der ihr den Magen zusammenschnürte. Ein Blick, in dem ein Zorn brannte, der noch gleißender war, als die Flammen, die die Fäuste des Shugenja umgaben. Auf dem blutüberströmten Kimono war der Mon der Isawa Familie kaum noch zu erkennen.

„Ich habe versagt, Isawa-sama“, sagte sie und fiel auf die Knie. „Ich habe als Euer Yojimbo versagt, mein Herr.“

Jahrelang war ich GameMaster in einer Spielgruppe des Pen-and-Paper-Rollenspiels „Legend oft he Five Rings“ aus dem die obige Szene stammt. „Legend of the Five Rings“ spielt in einer fiktiven Welt, die an das Feudalsystem des japanischen Mittelalters angelehnt ist und um asiatische Mythen und Philosophien, sowie um pseudo-asiatisch gekleidete typische Fantasy-Elemente angereichert ist.

Der Einstieg von neuen Spielern gestaltete sich ausgesprochen schwer, weil das Kaiserreich von Rokugan von den Spieldesignern bis ins kleinste Detail ausgearbeitet worden war. Mit anderen Worten: Die Lernkurve verlief extrem steil. Die Szene wäre für den Einstieg in einen Roman genauso ungeeignet, wie ein Zitat aus der Oper „Shagulla masch phlab“, das unlängst auf Globbuk-Prime in einer Neuinszenierung Premiere gefeiert hat.

Als Autor gilt es also stets zu bedenken, ob eine spezifische Vorbildung der Leser vorausgesetzt werden soll

Als Autor gilt es also stets zu bedenken, ob eine spezifische Vorbildung der Leser vorausgesetzt werden soll, um dann das verwendete Vokabular daran anzupassen. Ein Autor, der in einem bestimmten Franchise schreibt, oder sogar ein eigenes populäres Franchise hat etablieren können, ein Autor, der im Serienverlauf seiner Schöpfung eine weit fortgeschrittene Episode schreibt und sich seiner vorgebildeten Fanbase sicher ist, sowie ein Autor, der Fanfiction schreibt, kann davon ausgehen, dass die meisten seiner Leser die Lernkurve als flach und nicht als steil betrachten werden, während Neuzugänge eventuell Schwierigkeiten dabei haben und vielleicht auf ein Glossar angewiesen wären.

Weltenbau Sprache Katana
Hier wird kein „Schwert“, sondern ein „Katana“ geschmiedet. Aber weiß das jeder? Foto: (CC BY 2.0) moriakimitsuru/Flickr

Die Szene aus dem Setting von Legend of the Five Rings ist dafür ein gutes Beispiel. Meine Spieler hätten gewusst, dass das Katana eines der beiden Schwerter eines Samurai ist und dass die Saya die Schwertscheide ist. Sie hätten gewusst, dass ein Yojimbo ein Leibwächter ist und dass die Mitglieder der Shiba Familie traditionell die Beschützer der Isawa Familie waren. Sie hätten gewusst, dass ein Oni ein Dämon und dass ein Shugenja ein mystischer Magier ist. Sie wären die Voranstellung des Familiennamens gewohnt gewesen und hätten gewusst, dass die Endung „-ko“ in den meisten Fällen einen weiblichen Namen impliziert. Jeder andere Leser hätte sich entweder gedacht „Shagulla masch phlab?“ und dann das Buch beiseite gelegt, oder die Zähne zusammengebissen und gehofft, dass der Autor auf den nächsten Seiten die Terminologie mit verständlicher Sprache ergänzt.

Warum sollte die Lernkurve dann nicht generell flach gehalten und eine Sprache gewählt werden, die geläufig ist?

Zum einen, weil das Fantastische dann weniger fantastisch wäre. Zum anderen aber, weil es hauptsächlich die Sprache ist, die der Welt Authentizität und Tiefe verleiht. Zugegeben: Das widerspricht ein wenig der weiter oben angeführten Gefahr, sich mit dem Worldbuilder’s Disease anzustecken. Die Welt wird authentischer, wenn der Zwerg beim Schwingen seines Vorschlaghammers auf zwergisch in seinen Bart hineinbrummt, was er mit dem Elfengold anstellen wird wenn er es erst einmal in seinen grobschlächtigen Finger halten würde, und wenn der Elf seine Hausdiener im Dialekt der Stadtelfen herumkommandiert, um herauszufinden, woher dieses nervtötende Gewummer kommt.

Ja, es mag authentisch sein, aber trotzdem schwer zu verstehen, wenn der Leser keinen Zwergisch-Sprachkurs an der Nerdhochschule belegt hat. An dieser Stelle würde schon ein Fluch des Zwerges ausreichen, der sich auf den zwergischen Aberglauben bezieht, dass in einer von zehntausend Frühstücksflockenpackungen Goldmünzen versteckt wären.

Der Fremde im fremden Land

Flüche, Schwüre, Gebete und Beleidigungen sind ein hervorragendes Mittel, um der Welt Tiefe zu verleihen. Zumindest, wenn sie sich auf fantastische Elemente dieser Welt beziehen, die nach Möglichkeit dem Leser schon bekannt sind. „Du kämpfst wie ein von Shaggla verlassener Mulaffa!“ macht auf jeden Fall klar, dass dem Angesprochenen nicht unbedingt Honig um den Mund, das Maul oder der wie auch immer gearteten zur Nahrungsaufnahme konzipierten Körperöffnung geschmiert wird. Die Beleidigung gewinnt aber an zusätzlicher Aussagekraft, wenn der Leser weiß, was ein Mulaffa ist, oder ihm zeitnah gezeigt wird, was es mit dieser Kreatur auf sich hat.

Was der Held lernt, lernt der Leser mit

Es kommt nicht von ungefähr, dass der Archetyp des Besuchers, der aus verschiedenen Gründen ein fremdes Land oder eine fremde Kultur bereist, so häufig in fantastischer Literatur Verwendung findet. Der Leser wird sich an die Hand genommen fühlen, denn die Verwirrung, die der Fremde in einem fremden Land spürt, wird im Leser mitschwingen. Zusammen mit dem Protagonisten kann der Leser die Wunder der fremden Welt erfahren. Was der Held lernt, lernt der Leser mit.

Doch dieses Plotmuster, das auch die Heldenreise aufgreift, ist schon relativ abgegriffen. Ist der Held der Erzählung Teil der ihm bekannten Umwelt und sind für ihn jauchzende Lakuma-Würmer etwas ganz Alltägliches, so kommt der Autor nicht umher, auf Beschreibungen und Exposition zurückzugreifen, oder Ergänzungen anzufügen, in denen er eine Sprache verwendet, die auf dem Leser bekannte Begriffe und Konzepte zurückgreift. Rein praktisch sollte das aber erst in der Feinschliffphase der Überarbeitung passieren, in der an Wortwahl, Satzstellung und anderen sprachlichen Elementen gearbeitet wird.

Shiba Nekos Hand ruhte auf dem Griff des Katana. Sie hatte das Schwert nur wenige Zentimeter aus der Schwertscheide ziehen können. […] Sie spürte warmes Blut auf ihrem Gesicht, schmeckte den bitteren Geschmack auf ihren Lippen. Das Blut eines Oni. Aus den Augenwinkeln sah sie das dämonische Wesen auf den Tatami-Matten liegen. […] Es war der Blick von Isawa Toshima, der ihr den Magen zusammenschnürte. Ein Blick, in dem ein Zorn brannte, der noch gleißender war, als die magischen Flammen, die die Fäuste des Shugenja umgaben. Auf dem blutüberströmten Kimono war der Mon der Isawa Familie, das Familienwappen der mächtigsten Magierfamilie des gesamten Reiches, kaum noch zu erkennen.

Der Einstieg ist noch immer nicht gut, aber doch ein wenig besser. Im Verlauf der Erzählung muss dem Leser jetzt immerhin nicht mehr gesagt werden, wie in der Welt Magier genannt werden.

Emotionale Resonanz

Das Zauberwort für die Wirkung gut gewählter sprachlicher Werkzeuge ist emotionale Resonanz. Die Gefühle des Lesers sollen in Schwingung geraten. Wichtig dabei zu beachten ist die Frage, auf was sich diese Schwingung bezieht. Auf Bilder, die bereits in der Erzählung gezeichnet worden sind – also der feige Mufalla, der zwei Seiten vorher beim ersten Anzeichen eines Kampfes das Weite gesucht hat. Oder auf Assoziationen, die aus der realen Welt stammen – also der Duft einer Narzisse und einer Rose.

Die Bezeichnung für das Amt des gerechten und mitfühlenden Regierungschefs eines fiktiven Landes mit „Führer“ zu besetzen, wäre ein ordentlicher Fauxpas. Es sei denn, der Autor beabsichtigt genau diese Assoziation, und der Regierungschef ist in Wahrheit ein grauenvoller Diktatur.

Über die Namensgebung der Charaktere und Städte versuche ich, ein Bild von Orient und Wüste hervorzurufen

Der Kater des Alchemisten, der Roman, an dem ich gerade arbeite, spielt in einem fiktiven Land, das an das späte arabische Mittelalter angelehnt ist. Über die Namensgebung der Charaktere und Städte versuche ich, ein Bild von Orient und Wüste hervorzurufen, ohne dabei detailliert Wüsten und Städte beschreiben zu müssen. Das ist das positive an der emotionalen Resonanz: Die Bilder, die dabei entstehen, können ganz unterschiedlich sein. Assoziationen zum Begriff Orient können von Datteln und Feigen über Oasen und Kamelkarawanen bis hin zu fliegenden Teppichen und Wunderlampen samt Djinn reichen.

Weltenbau Sprache Moschee
Orientalisches Feedling lässt sich auch durch die richtigen Wörter und ihren Klang erzeugen. Foto: „Sheikh Zayed Grand Mosque: Colonade and Reflecting Pool“ (CC BY-SA 2.0) Andrew Moore/Flickr

Doch ich bin auch bemüht, negative Assoziationen zu vermeiden. So habe ich den Namen des Mentors des Helden geändert. Der alte Mann heißt nun Talib ibn Naari, was sich übersetzen ließe mit „Schüler, Sohn des Feuers“. Ursprünglich wollte ich die Genitivkonstruktion Talib al-Naari (Schüler des Feuers) verwenden. Da ich mich jedoch dazu entschieden habe, die Namen so zu schreiben, wie sie tatsächlich gesprochen werden, sah ich mich gezwungen, den Namen zu ändern. Das „L“ im arabischen Artikel „al“ wird bei gut der Hälfte der nachfolgenden Konsonanten durch eine Verdopplung dieses Konsonanten ersetzt, so auch beim „N“. Talib al-Naari wird also gesprochen als Talib an-Naari. Und Taliban-Assoziationen möchte ich bei meinen Lesern nicht unbedingt hervorrufen.

Warum ich auf diese Aussprache Wert lege? Weil es mir authentischer erscheint.

Das Lokalkolorit des Sackgesichts

Doch nicht nur in Form von Namen, Gebeten, Flüchen und kulturspezifischen Metaphern steigert Sprache die Authentizität. Auch über die Art und Weise wie sowohl der Erzähler als auch einzelne Charaktere sprechen, kann die Welt an Plastizität gewinnen und der Leser kann Charaktere am Klang ihrer Stimme wiedererkennen. Kurz und knackig, gestelzt, formell oder verschachtelt. Der Ausdrucksweise von Charakteren ist eigentlich keine Grenze gesetzt, solange es lesbar bleibt. Dialekte, Akzente und Vernuschelungen sollten dabei aber nur extrem begrenzt verwendet werden. Hier gilt dieselbe Regel, wie bei der Einführung von spezifischen Begriffen, nur anders herum: Im ersten Satz eines Dialogs kann ein diskreter Dialekt auftauchen. Für den Rest ist er nicht mehr zwingend notwendig.

„Wat hast’n für’n Problem, du Sackgesicht?“, fragte er und zog an seiner Zigarette. „Bist du auf der Suche nach Stress? Wenn ja, dann bist du hier an der richtigen Stelle.“

Die emotionale Resonanz des Lesers wird erhalten bleiben und er wird es dem Autor danken, dass er sich nicht durch Dialoge voller Lokalkolorit hat kämpfen müssen. Das Wie des Gesagten kann der Kompetenz des Charakters, seiner sozialen Stellung und seiner Weltsicht manchmal mehr Nachdruck verleihen als das Was.

Obacht ist aber vor allem dann geboten, wenn die Sprache von Charakteren und Erzähler nicht passend ist. Das kann die Kultur, die gesellschaftliche Stellung oder auch die historische Epoche betreffen. Mitunter ist es ein gutes Mittel um Konflikte zu erzeugen, um Abgrenzungen und Kontraste zu schaffen. Ein absoluter Stimmungskiller sind für mich aber beispielsweise Anachronismen in der Sprachwahl.

Denn es sollte doch klar sein, dass die ursprüngliche, vor zweihundert Jahren verfasste Version von „Shagulla masch phlab“ noch ganz anders geklungen hatte. Kein grüner Globberschleimer, der etwas auf sich hält, hätte vor zweihundert Jahren in Anwesenheit des Großglubbs so etwas von sich gegeben.

Ist klar, oder?


Jens-Michael Volckmann, Jahrgang 1983, ist Besitzer eines kurvenreichen Lebenslaufs, was wohl eine der besten Voraussetzungen für das Erzählen von Geschichten sein dürfte. Im September 2014 wurde seine Kurzgeschichte „Neunundneunzig Namen“ in das lektorierte Kurzgeschichten-Programm Kindle Singles von Amazon.de aufgenommen.

Auf seinem Blog berichtet Jens-Michael Volckmann über seine schriftstellerischen Tätigkeiten und seine Liebe zur geschriebenen Sprache. Im Rahmen seiner Glosse „Alltagswahnsinn mit Kindern“ gibt er dort außerdem humorvolle Einblicke in das Leben als schreibender Vater zweier Kinder im Kindergartenalter.


Titelbild: „Trinity College Library – Book of Kells“, (CC BY 2.0) Larry Koester/Flickr

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