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„Dieser Retcon ist für mich nicht Kanon!“

Wem gehört eine Welt, wenn sie veröffentlicht ist? Die Beziehung von Schöpfern und Fans kann ganz schön kompliziert werden. Über den Retcon-Wahn von Tolkien, den kafkaesken Star Wars Kanon und das Briefspiel Experiment bei Das Schwarze Auge.

Dieser Beitrag ist Teil der „Reden über Weltenbau“ Reihe, die wöchentlich mit Felix von Non Playable Characters im Ping-Pong-Prinzip auf beiden Websites läuft. Eine Liste aller Artikel findet sich am Ende dieses Beitrags.

Wenn Fans auf Logiklücken in einer fiktiven Welt stoßen, kann es für dessen Schöpfer ungemütlich werden. Das mussten sich gerade erst die Entwickler von Fallout 4 anhören, aber da waren sie weder die Ersten, noch werden sie die Letzten sein. Dabei sei das eine riesige Chance, schreibt Felix bei NonPlayableCharacters: Nicht nur solle man solche Einwände nicht einfach abbügeln, sondern auch darüber nachdenken, kreative Fanbeiträge in die Welt aufzunehmen. Das passiert bereits ständig: Der isolierte Autor im stillen Kämmerlein war schon bei Tolkien passé.

Als Tolkien den Lucas machte

Den Begriff „Kanon“ kennt man heute auch außerhalb von Nerd-Zirkeln. Wikipedia braucht für die Definition nur einen Satz:

Bei fiktiven Werken stellt der Kanon jenes Material dar, welches als offiziell gültig für das fiktive Universum anerkannt wird.

Blöd wird’s, wenn sich das Material im Kanon widerspricht oder nicht mehr zu geplanten neuen Werken passt. Manchmal muss das ältere Material dann zurechtgebogen werden, solche rückwirkenden Retcons (kurz für „retroactive continuity“) provozieren unterschiedlich harte Reaktionen. Als George Lucas rückwirkend an der Star Wars Saga Hand anlegte, war der Aufschrei groß.

Dabei ist sogar Tolkien dem Änderungswahn verfallen: Der Eine Ring war in der ersten Version des Hobbit noch ein ziemlich harmloses Schmuckstück, nicht ein Kleinod der Verderbnis. Dann schrieb Tolkien den Herrn der Ringe, und plötzlich passten Passagen des Hobbit nicht mehr mit dem neuen Material zusammen. Also änderte er kurzerhand ein Kapitel, behauptete, die erste Version sei die Erinnerung von Bilbo und die neue beschriebe jetzt die „wahren“ Ereignisse. Allerdings war der Hobbit immer noch viel zu fröhlich im Vergleich zur düsteren Welt der HdR-Trilogie, da könnte man doch… Bevor er das ganze Buch umschreiben konnte, wurde er von seinem Lektor, seiner Familie und Freunden gestoppt. Seine Fans hatten zugeschlagen: Das geht nicht, das verdirbt den Geist des Werks!

Retcon-Kanon-Hobbit
Spricht er zu mir oder nicht? Bild: (c) New Line Cinema

Retcons sind heute eher der Normalfall als die Ausnahme, die Gründe sind vielfältig: Die Vermeidung von Logikfehlern gehört dazu, aber auch das Bedürfnis, altbacken oder überholt wirkende Werke dem Zeitgeist anzupassen. Stephen King schlug bei seinem Dunkler Turm Zyklus ebenso zu wie die Entwickler von Tomb Raider. Immer spürt man dabei den Einfluss von Fans im Hintergrund: Die Reaktionen auf ein Werk dringen zum Autor oder den Schöpfern durch, auch das ist Zeitgeist.

Welcher Star Wars Kanon darf’s denn sein?

Besonders schwierig wird es mit der inneren Logik, wenn viele Autoren an einer Welt beteiligt sind. Bei Filmen, Serien, Comics und Spielen ist das nicht die Ausnahme, sondern der Regelfall – fast niemand hält dort die Zügel allein in der Hand. Steht das Kartenhaus kurz vor dem Einsturz, kann man auf zwei Arten darauf reagieren. Der knallharte Weg ist ein Reboot, ein kompletter Neustart für die Welt, in der alle bestehenden Werke als nichtig für den Kanon deklariert werden. Der Comicverlag DC hat solche Reboots zum Event erklärt und mit Crisis on Infinite Earths (1985/1986) und Infinite Crisis (2005/2006) sein gesamtes Comicuniversum gleich zweimal auf null gesetzt. Seit einigen Jahren erleben wir solche Reboots in rauen Mengen im Kino.

Bei Star Wars hat man den etwas unkonventionelleren Weg gewählt: Statt eines Kanons, der alle Ereignisse, Charaktere und Orte im Star Wars Universum katalogisiert, hat man einfach fünf (!) gültige Kanons eingeführt. Der heiligste war der „G-canon“, in dem nur die neuste Version der Filme und alle Statements von George Lucas galten. Der umfangreichste war der „C-canon“ für das Expanded Universe, das über zahlreiche Romane und viele Spiele zuletzt über 25.000 Jahre Geschichte abdeckte, davon 130 Jahre nach Die Rückkehr der Jedi-Ritter. Aber auch dieses Kartenhaus musste einstürzen: Mit dem Verkauf an Disney wurde das System eingedampft und das Expanded Universe ist nicht länger Teil des Kanons (für mehr Informationen über den starwarschen Kanon-Irrsinn empfehle ich diesen Artikel bei den Teilzeithelden).

Jetzt entscheidet George Lucas nicht mehr, was Star Wars ist und was nicht. Die offizielle Hoheit über eine Welt kann abgetreten werden, allerdings müssen das Fans nicht akzeptieren. Das Expanded Universe ist nach wie vor extrem populär und viele werden es in ihrem „eigenen“ Kanon erhalten. Die Beziehung von Fans und Weltenschöpfern, sie ist kompliziert.

Kanon-Kooperation: Weltenbau mit Fans

Doch zurück zum Anfang: Felix pocht darauf, dass in Fanideen Potenzial schlummert, die Probleme einer Welt müssten ihre Schöpfer nicht alleine lösen, wenn sie nur wollten. Und tatsächlich kommt es regelmäßig vor, dass Fanideen Eingang in den offiziellen Kanon finden. Selten handelt es sich dabei um ganze Fan-Fiction-Werke, aber einzelne Elemente und Theorien haben gute Chancen. TV Tropes hat eine lange Liste mit Beispielen zu „Ascended Fanon“.

Aber geht das nicht noch besser? Wieso nicht gleich mit Fans kooperieren und gemeinsam die Welt wachsen lassen? In Filmen und Büchern ist das schwer möglich, der Leser ist immerhin in einer passiven Rolle – für gemeinsamen Weltenbau fehlt Unmittelbarkeit. Doch gerade bei Rollenspielen ist hier viel zu holen: Das gilt für Online-Rollenspiele wie MMORPGs, noch viel mehr aber für Pen-&-Paper. Hier entsteht die Welt beim Spielen bereits im Kopf, der Weltenbau läuft live mit.

Retcon-Kanon-Briefspiel
Ränkespiele per Brief. Bild: (CC BY-NC-SA 3.0) AlmadaWiki

Wenige Rollenspielverlage nutzen das aktiv für ihre Welt oder ihren Metaplot, doch beim deutschen Urgestein Das Schwarze Auge ist das Prinzip Fan-Partizipation ein stiller Teil des Konzepts – und das fast seit Beginn. 1988 startete das DSA Briefspiel, um einzelne Baronien in der Welt von Aventurien zu bespielen. Dafür wurden die Baronien offiziell Spielern zugeteilt, fortan mussten sie sich um die Beschreibung und Details kümmern: Im Briefspiel geht es um Adelsbeziehungen und Politik, Geschichten werden nicht am Spieltisch erzählt, sondern einfach fortgeschrieben.

So gelang es, die Welt in einer Detailtiefe zu gestalten, die der DSA-Redaktion allein gar nicht möglich gewesen wäre. Über 500 Spieler haben auf diese Weise an der Gestaltung von Aventurien mitgewirkt. Bis heute müssen Autoren, die für eine Spielhilfe an einer Region der Spielwelt arbeiten, die von der Redaktion eingesetzten „Kanzler“ für diese Region kontaktieren und überprüfen, welche Fakten bereits geschaffen worden sind.

Man mag dieses System als schrullige Besonderheit von DSA abtun, doch ein spannendes Prinzip ist sie allemal. Für die Kinouniversen, die vor allem von Disney umgesetzt werden, werden inzwischen Armeen von Autoren rekrutiert, während einige wenige Personen wie die „Showrunner“ von TV-Shows versuchen müssen, die Konsistenz aufrechtzuerhalten. Vielleicht ist gesteuerte Fan-Partizipation für einige Welten doch ein gangbarer Weg.


Mehr zum Thema:

  • Mark J. P. Wolf: Building imaginary worlds. The theory and history of subcreation; Routledge Chapman & Hall. Taschenbuch, ca. 30 Euro.
  • Scott Hungerford: How to Write a World Bible, in: The Kobold Guide to Worldbuilding; Kobold Press. Taschenbuch, ca. 17 Euro.
  • Devin Faraci: How JRR Tolkien Pulled A George Lucas On THE HOBBIT


Update (06.05.2016): Übersicht aller Artikel der „Reden über Weltenbau“ Reihe


Titelbild: (c) Lucasfilm, Bearbeitung: Weltenbau Wissen

3 Gedanken zu „„Dieser Retcon ist für mich nicht Kanon!““

  1. Das interessante an den DC-Reboots ist, dass sie nicht entgültig sind. Sie erfolgen innerweltlich und einige Charaktere besitzen eine „Reboot-Resistenz“, d.h, sie behalten Erinnerungen aus den vorherigen Universen oder existieren weiter, obwohl die Ereignisse die zu ihrer Existenz führten nie passiert sind.

    Das finde ich ein recht interessantes Konzept, da auf diese Weise nicht wirklich alles auf Null gesetzt wird, sondern Spuren des pre-Reboots bleiben bestehen.

  2. Spannendes Thema, wobei bei DC Comics gefühlt jetzt schon der 5te oder 6te RetCon durchgeführt wurde.
    Und mit „Convergence“ (https://en.wikipedia.org/wiki/Convergence_%28comics%29) gerade durch die Hintertür ALLE Zeitlininien/Universen ihre Berechtigung haben (Multi-Multiverse [https://en.wikipedia.org/wiki/Multiverse_%28DC_Comics%29#Multi-Multiverse], da verliert selbst der nerdigste Fan irgendwann den Überblick.).
    Marvel hat dies im übrigen auch schon mehrmals gemacht -> siehe z.b. hier: http://whatculture.com/comics/10-most-controversial-marvel-retcons-of-all-time.php

    Zu DSA im besonderen und Kanon im Allgemeinen habe ich mir im Jahre 2011 auch schon mal ein paar Gedanken gemacht.
    Wer mag, findet diese hier:
    http://www.bibliotheka-phantastika.de/2011/04/18/ja-aber-ist-das-kanon-teil-1/
    http://www.bibliotheka-phantastika.de/2012/02/11/ja-aber-ist-das-kanon-teil-2/

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