Rezension Weltenbau für Anfänger Header

Rezension: Weltenbau für Anfänger

Deutsche Literatur zum Thema Weltenbau ist rar gesät. Mit „Weltenbau für Anfänger“ will Carla Erpenbeck eine kompakte Schritt-für-Schritt-Anleitung geben. Kann das auf nur 70 Seiten gelingen?

Rezension Weltenbau für Anfänger Cover
(c) Machandel Verlag/Charlotte Erpenbeck

„Ein Handbuch für Rollenspieler, LARP-Fans und Fantasy-Autoren“ – so lautet der Untertitel von „Weltenbau für Anfänger“. Damit ist gleich klargestellt, dass Carla Erpenbeck möglichst viele Zielgruppen abdecken und nicht nur einen Schreibratgeber abliefern möchte. Außerdem wird deutlich: Hier geht es um Fantasy. Für andere Genres ist die Anleitung nicht gedacht. Das Handbuch ist in zwei Teile gegliedert: Auf den ersten 43 Seiten geht es um die Konstruktion einer eigenen Welt, danach folgen Beschreibungen des europäischen Mittelalters und ein kurzes Kapitel über Magie.

Weltenbau im Schnelldurchlauf

43 Seiten sind nicht viel für die vollständige Konstruktion einer fiktiven Welt, dabei ist Erpenbeck durchaus ambitioniert und reißt von Geographie über Klima, Infrastruktur, Landmarken, Flora und Fauna bis zu Kulturen und Geschichte viele wichtige Weltenbauthemen an. Jedem Kapitel sind einige Absätze zu „praktischem Weltenbau“ angegliedert. Gemeint sind damit Tipps zur möglichst effizienten Zufallsgenerierung von Elementen der Welt oder der Organisation von Informationen, in der Regel mit Beispielen. Der Leser soll schnell das Gefühl bekommen, Fortschritte zu machen.

Leider bleiben die Kapitel bestenfalls oberflächlich

Leider bleiben die Kapitel bestenfalls oberflächlich, selten werden einem Thema mehr als zwei bis vier groß beschriebene Seiten eingeräumt. Das könnte reichen, um einem ambitionierten Weltenbauer anhand eines Fragenkatalogs systematisch und je nach aktuellem Schwerpunkt Hilfestellung und ein Nachschlagewerk zu geben. Stattdessen präsentiert Erpenbeck einen linearen Prozess, der sich zu sehr auf eine Weltkarte als Ausgangsbasis verlässt: Anfangs werden Kontinente gemalt, anschließend Berge, Flüsse und Siedlungen nach dem Zufallsprinzip darauf verteilt und dann soll die Welt noch schnell bevölkert werden. Das empfohlene Programm zur Kartenerstellung? Microsoft Paint.

Logikbrüche sind vorprogrammiert

Stellenweise stellt Erpenbeck während dieses Prozesses wichtige Fragen: So bespricht sie die Auswirkungen von mehreren Monden für Ebbe und Flut oder den Einfluss von Geografie auf Handelswaren. Leider bleibt sie in dieser Detailtiefe nicht konsequent. Während beispielsweise zwar der Zusammenhang von Jetstream-Winden und Klimazonen behandelt wird, wird die Platzierung von Gebirgsketten erwürfelt anstatt über die natürliche Entstehung von Gebirgen zu sprechen. Die größten Kopfschmerzen dürften Lesern aber die fehlenden logischen Verknüpfungen zwischen wesentlichen Elementen ihrer Welt bereiten: Städte werden vor intelligenten Arten behandelt; der Leser ermutigt, die Städte trotz fehlender Bewohner schon im Detail zu beschreiben. Straßen werden noch vor den Städten auf der Karte verteilt. Solche offensichtlichen Logikbrüche gehen Hand in Hand mit fehlendem Tiefgang. Auf theoretische Überlegungen zu entscheidenden Kriterien für eine gelungene Welt verzichtet Erpenbeck völlig.

Alle Beispiele bleiben Klischees

Stattdessen geht sie stets davon aus, dass traditionelle, auf dem europäischen Mittelalter aufgebaute Fantasy das Ziel ist. Zwar spricht sie selbst davon, dass man ja keine „08/15-Elfen“ wolle, bietet aber zu keinem Zeitpunkt Denkanstöße oder frische Ideen an. Alle Beispiele bleiben Klischees. Entsprechend flach bleiben auch die Informationen zum Leben im europäischen Mittelalter, die sich nach dem Weltenbau-Teil anschließen.

Wer für sein Projekt gar nicht mit einer ganzen Welt, sondern nur einzelnen Regionen oder Städten anfangen möchte, wird von „Weltenbau für Anfänger“ völlig alleingelassen. Dass ein LARP-Setting andere Anforderungen als ein Roman oder eine Kurzgeschichte hat, fällt unter den Tisch. Wer sich erstmals mit Weltenbau befasst, wird mit „Weltenbau für Anfänger“ auf einige wichtige Komponenten des Weltenbauprozesses gestoßen. Im besten Fall erhält man so neue Perspektiven, im schlechtesten Fall steht man später vor einer unlogischen, mit abgegriffenen Stereotypen überladenen Welt, die sich weder authentisch noch originell anfühlt. Immerhin listet Erpenbeck am Ende noch einige Links zu weiteren Quellen auf, darunter auch die Weltenbastler und die Weltenschmiede. Beide Seiten bieten für Anfänger kostenlos eine bessere Ausgangsbasis als ihr Handbuch.

Erpenbeck, Carla: Weltenbau für Anfänger. Ein Handbuch für Rollenspieler, LARP-Fans und Fantasy-Autoren, Machandel Verlag. Taschenbuch, 6,90 Euro oder als E-Book, 2,68 Euro.

7 Gedanken zu „Rezension: Weltenbau für Anfänger“

  1. Ich habe ein Exemplar des E-Books mal gewonnen (wenn auch noch nicht vollständig gelesen). Kann es sein, dass im E-Book die Quellen fehlen?
    Ich war nämlich neugierig, als ich hier gelesen habe, dass die Weltenschmiede als weiterführende Literatur genannt wird und wollte sehen, was da steht.
    Aber irgendwie konnte ich diese Angaben nicht finden.

    1. Ich habe das Taschenbuch rezensiert und da kommen die Links nach Seite 70 („Letzter Ratschlag“). Dann folgen noch ein paar Leseproben aus anderen Machandel-Büchern.

      1. Ja gut, bei den Weltenbastlern war und bin ich schon länger relativ aktiv…Vielleicht sollte ich selbst so ein Buch schreiben, wobei ich mich mit dem Klimagedöhns nicht so wirklich auskenne XD

  2. Am Anfang habe ich noch gedacht:
    „hmmm ok Schnelldurchlauf ist ja gut, dann mache ich erstmal Fortschritte beim Bau meiner Welt und kann erst einmal mit dem Plot weiterarbeiten…“
    Komplett und SOFORT aus meiner Merkliste aussortiert habe ich es als ich in deiner Rezi laß, das Microsoft Paint als empfohlenes Programm zur Kartenerstellung empfohlen wird … Das geht echt gar nicht.
    Danke dafür 😀

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.